Text

Offene Vorstellungsräume
Zu den architektonischen Licht – Skulpturen von Jürgen Albrecht
Text zur Ausstellung „Eine Höhle für Platon“ Kunstprojekt Villa Ingenohl, Bonn
Montag Stiftung Bildende Kunst  26.04.-28.06.2009

Liest man die Geschichte der Architektur als eine Geschichte über das Verhältnis von Licht und Schatten, so markiert die Baukunst der internationalen Moderne einen programmatischen Paradigmenwechsel gegenüber früheren Epochen: Nicht mehr Modulation, Nuance und Relief, sondern klar begrenzte Flächen und harte Kontraste bestimmen ihr Erscheinungsbild – ein Triumph der Sonne über das obskure Reich der Schatten, der mitunter unbarmherzigen Inszenierungen folgte. So möge nicht wenige Bewohner unter der Öffnung des Hauses und seiner durchgehenden Beleuchtung gelitten haben, denn anders als das (Halb-) Dunkle ließen Helligkeit und Transparenz kaum Ruhe- und Rückzugsräume entstehen. Für die Architektur der Moderne hatte das Licht somit nicht nur eine metaphorische Dimension, sondern wurde zum dominierenden Bauprinzip, das die Raumwahrnehmung und das Wohngefühl auf unmittelbare Weise durchdrang. Flüchtig betrachtet scheinen die Innenräume, die Jürgen Albrecht als skulpturale Guckkästen konstruiert, in dieser gestalterischen Tradition zu stehen: In äußerlich unscheinbare, kubische Gehäuse, die auf Ihrer Schmalseite über eine einzige Blicköffnung verfügen, baut er leere, weiße Raumfluchten, die großzügig von geometrischen Flächen und Versatzstücken gegliedert werden. Dabei entsteht ihre plastische Tiefenräumlichkeit durch ein Wechselspiel aus Licht und Schatten, das sich der Interieurs durch Fenster, Dachluken oder Bodenschächte bemächtigt. Doch dienen die Einlässe ausschließlich als Beleuchtungsquellen, ohne jemals den Blick auf die Außenwelt freizugeben. So sehr der Formenkanon der Moderne in solchen Räumen nachzuwirken scheint: Schon in dieser konzentrierten Fokussierung auf sich selbst unterscheiden sie sich grundlegend von möglichen Vorbildern einer offenen Architektur, die den Gegensatz von Innen und Außen zu minimieren suchte. Ohne tatsächlich realen Innenräumen nachempfunden zu sein, weisen die architektonischen Skulpturen Jürgen Albrechts im doppelten Sinne Modellcharakter auf. Denn wenn sich Modelle zuallererst durch Abstraktion auszeichnen, genauer gesagt:

Durch die bewusste Vernachlässigung bestimmter Merkmale, die andere Eigenschaften umso stärker betont, so trifft eben dies auf seine Arbeiten zu. Von allen realistischen Details befreit, sind es pure, hermetische Projektionsräume, die der Imaginationskraft des Beobachters offen stehen, so dass sie zum potenziellen Schauplatz individueller Vorstellungen, Reflexionen und Empfindungen werden. Das wiederum macht sie zu (leeren) Bühnen, deren Modellhaftigkeit gerade darauf beruht, der wechselnden Handlung – hier: dem immateriellen Schauspiel von Licht und Schatten – Raum und Rahmen zu verleihen.     Und auch dadurch, das sie die Position des Zuschauers auf eine Perspektive festlegen, die physische Bewegung also der visuellen und mentalen unterordnen, zeigen die Skulpturen ihren dezidierten Bühnencharakter. Für die Bonner Ausstellung hat Jürgen Albrecht in einem komplett verdunkelten Zimmer im Erdgeschoss der Villa Ingenohl vier neue Arbeiten realisiert, die auf dem Einsatz verschiedener Lichtquellen beruhen. Betritt man den Raum, gewähren zunächst nur die hell erleuchteten Öffnungen Orientierung auf Augenhöhe. Erst aus nächster Nähe betrachtet, verwandeln sich die schwebenden Lichtfelder in komplexe, plastisch strukturierte Raumfluchten, die mit ihren Vorsprüngen,  Nischen, Säulen und eingestellten Wänden eine jeweils eigene Gestalt offenbaren, ohne dass sich ihre Dimensionen eindeutig ermessen lassen. Dabei begegnet der Betrachter ganz unterschiedlichen Raumtypen, einer Wandelhalle, einem Korridor oder einem Atrium, die sich – rein imaginativ – in verschiedenen Zusammenhängen denken lassen, sei es als privater Wohnraum oder öffentliches Forum. Gerade diese Vieldeutigkeit, ihre niemals definierte Nutzungsweise und ihr unbekannter Kontext, verleiht den Skulpturen des Künstlers eine zeit – und ortlose Dimension. Dabei ist es nicht zuletzt der maximale Kontrast zwischen äußerer Schlichtheit und innerer Fülle, zwischen dem dunklen Realraum und dem Lichtdurchfluteten Modell, der den limitierten Einblick in einen Akt kontemplativer Raumerkundung verwandelt. Der Parcours beginnt in der Mitte des Zimmers, wo Jürgen Albrecht zwei Pfeiler errichtet hat, an denen die Gehäuse montiert sind. Während die eine Installation zwei architektonische Räume im Hoch – und Querformat umfasst, die durch den Schacht konstant mit indirektem Kunstlicht versorgt werden, besteht die andere aus nur einem Interieur, ergänzt um einen weiteren, komplett geschlossenen Kubus, in dem sich ein Videobeamer befindet. Dieser projiziert – durch den Pfeiler hindurch – eine Licherscheinung in Echtzeit, die ihrerseits von einer Kamera mit blich auf den Rhein im benachbarten Gartenzimmer aufgezeichnet und „live“ in das Innere der Skulptur übertragen wird. Dabei fällt das Licht durch eine seitliche Öffnung auf die Decke des Raumes, wo es vage landschaftliche Strukturen und Farbflecke erzeugt, während sich auf der Wand gegenüber ein grüner Lichtschatten abzeichnet. Sobald etwa Schiffe das Blickfeld der Kamera durchkreuzen, bildet sich im Innenraum eine schemenhafte farbige Bewegung ab, wie auch jeder Lichtwechsel, durch Wolken oder Dämmerung bedingt, die Projektion subtil verändert. Erst dadurch entsteht die räumliche Dimension dieser Architektur, die in ständiger Bewegung begriffen ist. Das gilt auch für die beiden weiteren Arbeiten der Ausstellung, die aud dem direkten Einsatz von Tageslicht beruhen.  Dafür hat Jürgen Albrecht im selben Raum ein Fenster und eine Tür verschlossen, um ihnen die Gehäuse vorzusetzen bzw. einzuverleiben. Eine langgestreckte Box ist so vor dem Fenster angebracht, dass das Licht seitlich durch die Öffnungen des Modells einfällt – gewissermaßen also eine verdoppelte Fensterstruktur, die mit einem Maßstabswechsel einhergeht. In die andere Raumflucht blickt der Betrachter durch einen in die Türverkleidung eingelassenen Sehschlitz, der in seiner extrem querformatigen Ausrichtung an die Panoramafenster moderner Architektur erinnert. Die Skulptur selbst befindet sich dahinter, von außen unsichtbar, in einem unzugänglichen Zimmer zum Garten (in dem  auch die Kamera aufgestellt ist) Von dort fällt das Licht durch Bodenschächte in das Raummodell, so dass wiederum keine optische Verbindung zur Außenwelt besteht. Obwohl die vier Arbeiten auf einem ähnlichen Bauprinzip basieren, erzeugen die unterschiedlichen Beleuchtungsarten – Kunstlicht, Tageslicht und deren Mischform – eine jeweils eigene, unverwechselbare Atmosphäre und Ausstrahlung.  Wenn das Zimmer die Uhrform der Kamera ist und seine Fenster als Modell für Linse und Objektiv verstanden werden können, so binden die Skulpturen Jürgen Albrechts die Verfahren technischer Abbildung gewissermaßen an seine Ursprünge, den leeren, von außen belichteten Innenraum, zurück. Genau in dieser Hinsicht sind seine Arbeiten Gehäuse einer fokussierten Wahrnehmung, denen – über das Sichtbare hinaus – eine Fülle potenzieller Bilder und Bedeutungen innewohnt.

Stefan Rasche