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Zu den Arbeiten von Jürgen Albrecht, von Stephan Berg

Zu sehen gibt es scheinbar fast nichts. Mal kürzere, mal längere rechteckige Pappboxen, die in etwa 1,50 Meter Höhe an der Wand befestigt wurden. Ein karges, sprödes Angebot an skulpturalen Minimalismus. Dieses Nichts an Aul3enwirkung ist wichtig, wenn man den Arbeiten von Jürgen Albrecht begegnet, denn es steht in einem beabsichtigt starken Kontrast zu der Innenperspektive, die diese Wandskulpturen bieten. In ihnen entfaltet sich ein ebenso subtiles wie Überraschend reiches Panorama an perspektivisch gestaffelten Raumfolgen, die durch das mit unterschiedlicher Intensität einfallende, von den Seiten oder von oben kommende Licht dramatisiert werden. Die asketische Selbstgenügsamkeit des „armen“ Außen, das scheinbar bruchlos die Parameter der amerikanischen Minimal-Art der 60er und 70er Jahre fortschreibt, erweist sich vordergründig als reine Camouflage für die teilweise labyrinthisch-phantastischen Raumträume, die ihr Inneres beherbergt. Aber so einfach ist die Sachlage in Wirklichkeit nicht. Tatsachlich ist die verknappte elementare Skulpturalität nicht einfach die Tarnkappe, mit der die Arbeiten das Überraschungsmoment, das den Betrachter beim Blick in ihr Inneres erwartet, noch verstärken. Diese essentielle Einfachheit ist ein wesentlicher Teil der Gesamtarbeit, die Gelenkstelle, an der sich Umraum und Binnenraum miteinander fruchtbar verbinden. Wenn man so will, betreibt Jürgen Albrecht Architekturrecherche aus dem Geist der Imagination. Dies tut er in doppelter Hinsicht. Einmal in Bezug auf den Entwurf von Modell-Räumlichkeiten, die keine formalen, aber deutliche geistige Parallelen zu den phantastischen Raumimaginationen Piranesis oder des französischen Revolutionsarchitekten Boullée aufweisen. Der Blick in diese Innenwelten signalisiert klar: Dies sind keine Raumentwürfe, die in reale Architektur umgesetzt werden wollen, dies sind Räume, die ihre Realität gerade daraus schöpfen, das sie rein imaginativ, geistig erfahrbar sind. Das immer auch bildhaft angelegte Modell erweist sich so als Mikrokosmos, der auf seiner eigenen Logik beharrt und sich nicht als bloße Vorstufe zu seiner späteren Realwerdung begreift. Auf der anderen Seite verbindet Albrecht die horizontale Geometrie seiner Pappkörper stets präzise mit dem umgebenden Raum, zu dem die Objekte in einen kommentierenden, korrigierenden Austausch treten. An diesem Punkt sind Albrechts Skulpturen immer auch Implantationen im Raum, die selbst den Charakter von architektonischen Elementen annehmen.
Die Skulptur wird so zum Zwitter zwischen minimalistischem Wandstück, das absolute Autonomie einklagt, und kontextualisierendem Eingriff, der, indem er die Proportionen des Raumes verändert, selbst auch eine architektonische Qualität erhält. Der wahrnehmungstheoretische Aspekt, der alle Arbeiten Albrechts grundiert, wird besonders deutlich in der Art und Weise, wie der Künstler den Akt des Sehens thematisiert. Dem schnellen Blick zeigen sich seine skulpturalen Modell-Körper, deren länglich schmale Gestalt durchaus antropomorph verstanden werden kann, als hermetische Konstruktionen, an denen das Auge abprallt. Erst im geduldigen Akt der vertiefenden Wahrnehmung, die noch zeichenhaft dadurch unterstützt wird, dass sich der Betrachter in der Regel leicht bücken muss, um in das Innere der Wandkörper zu sehen, öffnen sich die Arbeiten.

Betrachter und Betrachtete verknüpfen sich zu einer skulpturalen Gesamtkonstellation, die sich wechselseitig beeinflusst. Diese Interaktivität verdankt sich vor allem dem Licht, das Albrechts Arbeiten speist. Da der Künstler nie mit zusätzlichen künstlichen Lichtquellen arbeitet, sondern vorzüglich mit dem im Raum verfügbaren Tageslicht, wird die Wirkung seiner Innenräume zu einem permanent neu erlebbaren, sich ständig wandelnden Prozess. Sichtbar wird dies auch in den Videoarbeiten, deren Entstehung einen nahezu performativen Charakter aufweist. Jürgen Albrecht baut dafür zunächst wiederum einen Kartonkörper, in den von verschiedenen Seiten aus Licht einfällt. Eine im Inneren befindliche Kamera zeichnet sodann alle Bewegungen und Drehungen auf, die der - dabei immer im Außenraum befindliche - Künstler an seinem Instrument vornimmt. Eine Steuerungsmöglichkeit sichert sich Albrecht durch eine Brille, welche die Bilder der Kamera im Inneren für ihn sichtbar macht. Die Überlebensgroßen Videoprojektionen wirken ironischerweise so virtuell, als wären sie am Computer entstanden während ihre Größe dazu einzuladen scheint, sie real zu betreten. Wie in allen Arbeiten Albrechts ist auch hier die Realität der Arbeit direkt an das Prinzip der Imagination gekoppelt. Nicht das, was wirklich da ist, ist entscheidend, sondern das, was unser Auge daraus macht.

Stephan Berg, „Jürgen Albrecht“, Ausstellungskatalog „Archisculptures“, Kunstverein Hannover 2002