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Ansichten und Einsichten. Zu den Arbeiten von Jürgen Albrecht
"Nämlich das Sehen ist die vollkommenste und objektivste anschauliche Erkenntnisweise: ihre Möglichkeit beruht auf dem Zurückgeworfen werden des Lichts von den Körpern auf einander, und eben ihr verdanken wir die bei weitem vollkommenste und reinste unsrer Wahrnehmung, das Sehn."
Arthur Schopenhauer

1.
Abseits des beschleunigten Tempos des Zeitgeistes hat Jürgen Albrecht in den letzten Jahren ein für seine Künstlergeneration selten kontinuierliches Werk entwickelt, welches sich ausnahmslos durch Treue zu einer Grundeinstellung hinsichtlich seines Künstlerischen Wirkens auszeichnet.

Es besticht durch eine Beharrlichkeit des Künstlers, der auf einmal Geschaffene über alle Zeiten und Stile hinweg zu vertrauen scheint, und dies in einer Zeit in der häufiger der Geist des Pluralismus herrscht und in der häufiger die Abkehr vom Stil - auch im Sinne einer persönlichen Identität - gesucht wird als einen zu bestätigen.
Dabei hat sich Albrecht nicht in den Kokon einer starren Verweigerung zurückgezogen, sein Werk entstand nicht in der Absicht gegen eine weltweit proklamierte Abkehr von spezifisch Modernen, der Autonomie des Kunstwerks.
Sein künstlerisches Werk preist keine überholte Dogmatik, vielmehr erscheint es als eine immer wiederkehrende, stets aktuelle Möglichkeit von Kunst; es ist beständiger Teil der gegenwärtigen Vielfalt künstlerischer Ausdrucksformen.

Und man muss angesichts der Arbeiten von Jürgen Albrecht im Auge behalten, dass ein Kunstwerk zu erfahren ein Prozess ist, und dass daher erst verschiedene seiner Arbeiten nacheinander als Ganzheit realisiert werden,  dadurch dass die Aufmerksamkeit von einem Aspekt zum nächsten wandert, dass erst das Nebeneinander und die Abfolge vieler, nur scheinbar monotoner Arbeiten ein Gefühl für die Dimension dieses Werkes geben, für die Essenz des Ganzen.
Und vielleicht lässt sich die auffallend gleich bleibende Richtung seines Werkes fernab jeder theoretischen Bemühung an Hand eines Tagebucheintrags von Yves Klein deuten, der hier eine Geschichte aus dem alten Persien notierte:"
"Ein Flötenspieler begann eines Tages nur einen einzigen lang gezogenen Ton zu spielen. Als er damit nun an die zwanzig Jahre fort fuhr, gab ihm seine Frau zu bedenken, dass doch alle anderen Flötenspieler mehrere harmonische Töne und ganze Melodien zustande brächten und dass das doch vielleicht abwechslungsreicher sei. Der Flötenspieler aber antwortete, dass es nicht sein Fehler sei, wenn er die Note schon gefunden hätte, nach der die anderen immer noch suchten." 

Kurze Zeit nach Beendigung seiner Münchner Akademiezeit, er war gerade nach Hamburg umgezogen, entdeckt Jürgen Albrecht die Pappe als sind bis heute bevorzugtes Material zur technischen Konstruktion seiner Skulpturen.
Die Pappe oder der Karton erzeugt als Material  nicht jene Massivität in der Betrachtung, wie wir sie von den klassischen bildhauerischen Materialien erfahren. Diese Eigenschaft - Pappe ist nichts weiter als stehendes Papier - mag für Jürgen Albrecht ausschlaggebend  gewesen sein.

Eines der frühesten solcherart erhaltenen Werke Albrechts ist ein von außen unscheinbar wirkender größerer Pappkarton, so wie er für Verpackungszwecke überall benutzt wird. In Erinnerung an den vormaligen Zweck des Kartons trägt diese Arbeit den beziehungsreichen Titel "Nicht stürzen". Diese Arbeit von 1985, nebst einigen anderen aus dieser Zeit, erscheint mir in der Rückschau den Fundus für Jürgen Albrechts nachfolgende Arbeiten gebildet zu haben. Von außen unterschied sich dieser besagte Pappkarton kaum von anderen, nichts deutete auf seinen spezifischen künstlerischen Inhalt hin, der erst im Laufe einer Aktion an Licht kommen sollte.

Der Pappkarton bot in seinem Innern gerade soviel Platz, dass sich der Künstler, ohne dass er von anderen zu sehen war, hierin verbergen konnte. Durch zwei in der Art einer Klapptür geschnittene Öffnungen entfaltete Albrecht seinem Publikum nach und nach den verborgenen Inhalt seines Kartons, der aus einer Vielzahl kleiner farbiger Schachteln bestand, die teilweise mittels einfachster Technik selbständig tänzelnd vorwärtsschritten oder aber einfach auf den oberen Kartonrand oder auf den Boden platziert wurden. Obwohl diese Arbeit einer gewissen Komik nicht entbehrte, irgendwie an "Jack-in-the-box" erinnerte, von einem ausgelassenen Umgang mit Kunst zeugte, nahm sie bereits eines der prägendsten Merkmale späterer Arbeiten Albrechts vorweg. Nicht so sehr die äußere Konstruktion des Kartons war entscheidend, wie ein aufgeklärter Kunstfreund auf den ersten Blick auch hätte annehmen können, sondern dessen Inhalt.

2.
Es  ist wohl anzunehmen, dass sich Jürgen Albrecht zum damaligen Zeitpunkt der Wirkung dieser Arbeit ("Nicht stürzen", Mai 1985 ) auf sein zukünftiges Werk noch nicht vollends bewusst war. Es war wohl eher ein tastender Versuch eine Geheimtür zu ˆöffnen, ohne genau zu wissen, dass diese Tür eine Welt aus Raum, Zeit und Licht verbarg. Aber schon wenig später ist sich Albrecht der Richtung   seines künstlerischen Wirkens bewusster, denn er schafft seine ersten Arbeiten, die bereits alle primären Eigenschaften seines Werkes aufweisen, so wie wir es heute kennen.
Die so genannten " Guckkästen " des 17. und 18. Jahrhunderts mögen ihm dabei Vorbild gewesen sein, aber während diese auf Jahrmärkten hauptsächlich dem Kennen lernen der Welt dienten, indem zum Beispiel Stadtansichten, Vulkanausbrüche oder Ansichten exotischer Länder gezeigt wurden, geht es Albrecht darum, mit seinen Arbeiten Orte zu schaffen , die dem Betrachter ermöglichen, über das Sehen hinaus die eigene Wahrnehmung  zu "rekonstruieren".
Dies geschah von jetzt an hauptsächlich  mit Licht als substantiellem Material, um das Medium der Wahrnehmung erfahrbar zu machen; die aus Pappe gestalteten skulpturalen "Gehäuse" werden zum Refugium für das Licht und das Tasten des menschlichen Auges.
Albrechts Absicht, die menschliche Wahrnehmung selbst zu thematisieren, setzt allerdings die sich einlassende psychische und mentale Bereitschaft des Betrachters voraus. So fordert Albrecht den Betrachter seiner Werke dazu auf, in diese hineinzuschauen, ihr Innenleben zu ersetzen und Wahrzunehmen, ja, er läuft anfänglich seine Arbeiten sogar von den Betrachtern anfassen. Und das wohl um so  nachdrücklicher, "als das Sehen schon immer, im Wettstreit mit dem Berühren, als metaphorisches Modell für das theoretische Wissen gedient hat. Die Frage nach dem "Sehen" oder "Fassen" ist seit undenkbaren Zeiten der existentielle Garant gewesen, welcher das Teilen desselben Eindrucks, zusammen dieselbe Sache richtig zu "begreifen".
In der Hand nehmen lassen sich die Arbeiten Albrechts heute kaum noch, aber
weiterhin verlangen sie nach einer ganzkörperlichen Wahrnehmung durch den Betrachter.
Albrecht fordert die Betrachter seiner Arbeiten - er spricht von Skulpturen - dazu auf, die mögliche Bedeutung ihrer Beobachtung für sich selbst zu ersehen und wahrzunehmen; er erweckt im Betrachter - um eine von Michel Foucault eröffnete methodologische Perspektive zu erwähnen - die Archäologie des Blicks, des sehenden  Menschen, seiner Beziehung zu Sichtbaren. Zwischen Sehen und Licht aber herrscht ein Parallelismus, da beide als eine Art Spezies einer Selben Gattung aufgefasst werden - Licht macht Dinge erst sichtbar. Und im weiteren rühren Albrechts Arbeiten durch die zwillingshafte Verbindung der Begriffe des Sehens und des Bildes an der Frage , ob entweder der Blick mit der Fähigkeit  der Wiedergabe dessen, was ist, begabt ist, oder im Gegenteil dem Sichtbaren die Kraft zugeschrieben wird, den der Geist mit seinen Imaginationen zu stimulieren.

3.
Jürgen Albrecht anerkennt, dass Wahrnehmung ein interaktiver  Vorgang ist:
Wir Können die Außenwelt immer nur konstruieren, aber nicht abbilden. Mit unseren inneren Zuständen ändern sich die wahrgenommenen Gegenstände.
Ähnliche Ansätze kennen wir bereits von anderen Künstlern, so etwa auch von Barnett Newman. So wie Albrechts Skulpturen fordert auch eine akompositorische Farbtafel Newmans, die als Architektur wirkt, die Raum außerhalb ihrer schafft, eine fast taktile Wahrnehmung, eine quasi intime Annäherung an das Werk.
Denn erst wenn man mit den Augen fast die Leinwand berührt, die farbigen Randzonen des Bildes im äußersten Blickwinkel unscharf werden und sich - wie etwa in Newmans "Heroicus Sublimus" - die dominierende rote Farbfläche von der Begrenzung des Bildformats ablöst und freischwebend  indefinit wird, entsteht der Eindruck der Auflösung jeder Ding- Assoziation, auf die es Newman ankommt. Im Falle Barnett  Newmans allerdings wird der Betrachter heute dieser notwendigen taktilen Wahrnehmung verlustig, weil er Newmans Bilder aus größerer Nähe sehen müsste, als es die Sicherheitsvorkehrungen der Museen zulassen, so wie auch Jürgen Albrechts Skulpturen seiner aufdringlichen Nähe dringend bedürfen, wollten sie nicht ihren eigentlichen Sinn entbehren.
Seit diesen Anfängen zeichnet sich Jürgen Albrechts Werk durch eine planvoll bestimmte Entwicklung aus; nur durch wenige gezielte Nuancen erweiterte er langsam die Komplexität seines Werkes. Waren im Anfang seine Skulpturen noch von fast roher formaler Qualität, so dass die typische Lamellenkonstruktion der Pappe noch sichtbar blieb, erscheinen diese uns heute präziser gearbeitet. Waren die inneren Lichtverhältnisse der Skulpturen in früheren Jahren weniger differenziert, so verdeutlichte sich bald ihr kontemplativer Charakter stiller Präsenz.
Waren die inneren Raumkonstruktionen noch von einfacher Struktur, so variiert die Anordnung der Räume heute zunehmend, was zeitweise mit größeren Formaten der Skulpturen einhergeht und einer dezidierteren Installation im Kontext von Ausstellungen. Jürgen Albrecht erweiterte das Spannungsfeld zwischen Raum und Licht im Bewusstsein auf das Unmittelbare, Einfache und Elementare .
In seiner radikalen Beschränkung auf den einmal gewählten Artikulationsmodus eignet dabei dem Werk Albrechts von Beginn an eine unüberschaubare monolithische Wirkung, die mit dem Anwachsen des Oeuvres zunehmend an Intensität gewinnt.

 

4.
Die Betrachtung dieser Welt scheint sich in immer kürzeren Zeiten zu vollziehen. Aber es ist nicht so, dass dieses Faktum der Zeit selbst immanent ist, denn allein der Mensch verfügt über die Verzeitlichung der Zeit. Allein er ist es , der die Zeit und sein Gefühl für die Dauer in seinem Bewusstsein gestaltet. Wofür man sich vor wenigen Jahren vielleicht noch Stunden der Betrachtung gönnte , dem wir heute bisweilen nur ein Bruchteil vormaliger Zeit gewidmet und schon als erfahren betrachtet.
Jürgen Albrechts Skulpturen ist ein nur augenblicklich geschenkter Blick der Aufmerksamkeit  hinderlich, denn einem nur flüchtigen Hinsehen entziehen sich seine Arbeiten, geradeso als sei ihnen der Typus des schnellen Ausstellungsbesuchers erst gar nicht willkommen. Man könnte auch sagen: Seine so unspektakulär erscheinenden Skulpturen sind nicht geschaffen für uneinsichtige "Blinde" , die " sehen ohne zu sehen" ;  gleichwohl seine Skulpturen aber solcherart "Blinde" wieder sehend machen Können. Dieser standardisierte Besucher, den man allenthalben heute durch Kunstausstellungen hasten sieht, wird diesen Künstlerischen Werken, die letztlich Licht als Quelle jeden Sehens, jeder Wahrnehmung thematisieren, nicht gewahr werden, denn Sehen, will es denn wirklich Wahrnehmung sein , ist schließlich ein Prozeß, der dauert. Albrechts Bildwerke erhellen unser Bewusstsein erst in geduldigen Betrachten und erst dann erscheinen sie in ihrem angemessenem Licht - es wird das Licht zu Dunkel und das Dunkel zu Licht.

Und in "guten Augenblicken" Können sie zu einem Gefühl unserer Offenbarung werden: "Die Welt ist Helldunkel". Manches ist klar, vieles unklar. Was klar ist wird bei genauem Hinschauen unscharf; das Dunkle auf die Dauer ein wenig deutlicher.
Einiges scheint gut, anderes schlecht zu sein. Auch hier verschwimmen die eindeutigen Grenzen unter einer verschärften Beobachtung. Das Dunkle hellt sich auf, das helle wird fleckig. Die Wirklichkeit ist gemischt, helldunkel.

5.
Die Skulpturen von Jürgen Albrecht erscheinen äußerlich als einfache längliche geometrische Körper aus Pappe und Papier, die bei der ersten Begegnung nur selten etwas von ihrer eigentlichen inneren Qualität offenbaren, denn um ihr ureigenes "Innenleben" legt sich gleich einem schützenden Gewand die äußere plastische Konstruktion, beinahe so, als sollte unser erster spontaner Blick ihrem inneren Sein noch nicht gewahr werden. Und tatsächlich ist häufig die den Blick nach innen erlaubende, einzige Öffnung den direkten Blick des Betrachters abgewandt, oder aber sie findet nicht seine gebührende Aufmerksamkeit, weil er noch mit  Äußerlichkeiten beschäftigt ist. (Nur wenige, dem Blick mehrseitig geöffnete Arbeiten erscheinen in Albrechts Oeuvre als Ausnahme.) Der Betrachter wagt oft eher durch Zufall, oder weil er einer Ahnung nachgeht, denn aus Erfahrung den Blick in das Innere , da das ihm vertraute Wesen einer Skulptur gewöhnlich allein der Reiz ihrer Oberfläche und ihrer äußerlichen Erscheinung ist. Nicht so Jürgen Albrechts Skulpturen, deren äußerliche Konstruktion letztlich vielmehr das Resultat der inneren Erscheinung ist; wohl lässt sich hier im Gegensatz zu skulpturalen Werken klassischer Prägung von der inneren auf die äußere Form
schließen, aber nicht umgekehrt.
Und ist es nicht so, dass wir uns schon oft angesichts dieser oder jener Skulptur fragten, wie wohl ihr Inneres beschaffen sei weil ja alles äußere natürlich auch etwas Inneres in sich birgt?
Jürgen Albrecht erlaubt uns aber nicht nur den Blick auf das äußere und Innere seiner Skulpturen, vielmehr macht er die Innenansicht auch zum entscheidenden Thema seiner Werke, die aus Licht - und Schattenverhältnissen bestehende Raum- Architekturen entwerfen. Der Erfahrung von Licht und Raum, Licht und Zeit, Licht und Wahrnehmung gilt mithin die Aufmerksamkeit dieses künstlerischen Werkes, wobei eben das Licht eines der elementaren Attribute ist.

Albrecht geht es um den Raum, den seine Skulpturen bilden und um das Licht, das diesen  Raum bewohnt. Es geht darum, wie der Betrachter diesem Raum gegenübersteht und wie er diesen erforscht. Beim Blick in das Innere der Skulpturen erscheinen Räume verschiedener Größe oft in dichter Reihung. Am hellsten erscheinen die Räume dort, wo das einfallende Licht sie Weiß färbt, weniger weiß erscheinen die Flächen, die das Licht kaum mehr erreicht.
In den so gestalteten Räumen gibt es aber keine spekulativen Sensationen und Irritationen; allein durch kleine Oberlichter aus Transparentpapier gezielt einfallende Licht wird als Ereignis inszeniert. Weiß und gleichmäßig gestrichen bilden die Wände so das Gehäuse für den Ort unserer Wahrnehmung. Was wir , wenn wir in diesen Ort  hineinblicken, mitbringen müssen ist Zeit, die unser Auge und unsere Wahrnehmungsfähigkeit brauchen, um sich an die gegenwärtige, wahrscheinlich nicht erwartete Atmosphäre zu gewöhnen und um sich der vielleicht befremdlichen Wohlbekanntheit der Ausdruckskraft des Lichts zu erinnern, das auch im kleinen Rahmen das zu leisten vermag was uns ansonsten als elementare Raumerfahrung so selbstverständlich erscheint und uns schon deswegen einer konzentrierten Betrachtung selten wert ist.

"Das aber ist nur möglich, weil zwischen den Strukturen des Werks und denen der Wahrnehmung eine Isomorphie herrscht, die allerdings so ausgelegt ist, dass sich die automatisierten Wahrnehmungsmuster unserer Alltagserfahrung gerade nicht wiederholen, sondern in Abweichung, Verkürzung, Überlagerung, Verzerrung und im Widerspruch zu den eingeübten Sehmustern erscheinen..."    

Jürgen Albrecht gestaltet seine Konstruktionen so, dass das Licht, das sie durchdringt, ein integrierender Bestandteil seines Werkes ist. Schließlich gilt auch hier die Erfahrung, das jeder Raum erst dann seine höchste Vollendung erfährt, wenn auch das Licht Gestalt gewinnt. Je länger man in diesen hineinblickt, je mehr man die inneren Lichtdurchfluteten Strukturen erblickt, desto weiter ziehen die Gedanken und es wird immer nur unsere Sensitivität sein, die uns allein Schritt halten lässt im Angesicht der ureigenen Dynamik des Lichts.
In Anbetracht dieser Ereignisse müssen wir bereit sein, uns nach der Maßgabe der physischen und mentalen Bedingungen unserer Wahrnehmung auf das solcherart geschaffene Kunstwerk einzulassen. Und wenn sich unser Sehen auf die Verhältnisse des gesichteten Ortes eingerichtet hat, beginnen wir über unser aktives Sehen hinaus, wenn es denn tatsächlich aktiv ist, wahrzunehmen. Dieser innere Ort öffnet sich für unser Sehen wie für unsere Vorstellung und zielt auf eine Weite, die die der Gedanken und der Imagination ist. Und das Ereignis dieses Werkes ist es, dass die Identität von Raum, Licht und Zeit qua Bild die Identität des Bildes selbst ist und es in Abhängigkeit des Lichtes niemals Wahrnehmungen völlig identischer Qualitäten gibt.
Und weil Albrechts Skulpturen über keine eigene Lichtquelle  verfügen, also immer in ihren inneren Erscheinungen abhängig sind von den jeweilig herrschenden spezifischen Lichtverhältnissen des Ausstellungsortes (insofern immer auch ortsbezogen sind), mag der Betrachter diese Abhängigkeiten um so deutlicher erfahren, wenn das einfallende Licht ein stetig wechselndes  natürliches Sonnenlicht ist. So schafft Albrecht mit seinen Skulpturen Wahrnehmungsmodelle, die stets abhängig sind von einer bestimmten Situation, auf diese bezogen, somit nicht übertragbar und an jedem Austellungsort einmalig sind. Diese letztgenannten Aspekte unterscheiden das Werk Jürgen Albrechts entschieden von dem anderer Künstler, deren Untersuchungen ebenfalls dem Erlebnis von Licht und Wahrnehmung  gelten, die mit Licht als Substanz arbeiten. Während Albrechts Wahrnehmungsräume das schon vorgefundene künstliche Licht des Ausstellungsraumes ausnutzen  und bearbeiten, oder aber das in diesen einfallende natürliche Licht - oder beides gleichzeitig -, installieren, soweit ich sehen kann, alle anderen zeitgenössischen Künstler immer eine dem Ausstellungsraum vormals nicht immanente Lichtquelle zur Inszenierung ihrer lichtspezifischen Kunstwerke. Auf diese Weise sind deren Wahrnehmungsqualitäten weniger Ortsabhängig und dadurch wiederholbar, während die einer Skulptur von Jürgen Albrecht an jedem Ort nur einmalig zu erfahren sind , selbst dann , wenn es sich an einem anderen Ort um dieselbe Arbeit handelt.


6.
Jürgen Albrechts Skulpturen sind für den individuellen Gebrauch bestimmt, denn sie erlauben meistens nur einem einzelnen Betrachter den ungestörten Blick in ihr Inneres, so dass er unmittelbar mit sich und dem Werk allein sein kann und so dieses für die Zeit des Wahrnehmungsvorganges zu einem spezifischen Ort wird, der eine Gestaltungs-, Handlungs- und Erlebniseinheit bildet. Oder anders ausgedrückt: Seine Objekte erwarten vom Betrachter ein genaues Schauen.
Angesichts der teils durch die immaterielle Qualität des einfallenden Lichtes diffus verschwimmenden teils im Schatten undeutlich werdenden Innenräume mag sich der Betrachter auch die Vorstellung zu eigen machen, diese Räume in seinen Gedanken zu durchschreiten. Folgt man den kleinen, abschreitbaren Raumeinheiten optisch bis an ihr Ende, mögen selbst die gedanklichen Schritte messbar werden, wird dieser Ort als eine unmittelbar mit der Zeit verbundene Kategorie bewusst, zumal der Faktizität des Lichtes immer auch die Zeit mitgegeben ist und deren Bedeutung Albrecht nicht zuletzt durch die Titel seiner Werke manifestiert, die das Datum ihrer Entstehung benennen. Ein neuer Raum aus Licht und Schatten wird erfahrbar, der vielleicht sogar ein Nachdenken über das Dasein in einem sich verändernden Raum bewirkt , der unseren Sinn für Proportionen und für unsere Wahrnehmung ändern kann, der uns ganz beiläufig an die Flüchtigkeit unserer Realität erinnert und uns in ein kritisches Verhältnis zu dieser setzt. Weniger über Inhalte des Gesehenen, vielmehr über die Art und Weise seines Sehens wird der Betrachter zu Erfahrungen geführt.
Nur möge der Betrachter nicht auf die Vorstellung verfallen, sich die Arbeiten von Jürgen Albrecht als reale Architektur zu wünschen, denn dies hieße , die andere Wirklichkeit der Kunst abzuschaffen. Albrechts Raumkonstruktionen bedürfen nur ihrer eigenen Dimension. Wir sollten es als Vorzug dieses künstlerischen Werkes betrachten, uns "klein zumachen, statt den Wunsch mit Nachdruck zu äußern, dass der Künstler seine Skulpturen vergrößere. Und so als ob die Skulpturen diesen Wunsch erst gar nicht in uns reifen lassen wollten, zwingen sie uns in Abhängigkeit  unserer Körpergröße beim Hineinsehen in eine bestimmte Körperhaltung und lassen uns so die Notwendigkeit ihrer Dimension nachdrücklich empfinden.

Und vielleicht auch deswegen, weil auch jedes Kunstwerk so etwas wie ein moralisches Recht darauf hat, etwas von uns zu erwarten.
Jürgen Albrechts künstlerisches Werk zeitigt alle Qualitäten eines überzeitlichen Anspruchs, der im Kontext der proklamierten Kunstmoden und -Trends des letzten Jahrzehnts selten geworden scheint, und welche oftmals nur vorgaben, ihre auf die Gegenwart konzentrierten Gedanken und Empfindungen wahrnehmbar und erfahrbar machen zu wollen. Seine individuell schöpferische Haltung mag man als vielfältiges "Entbergen" im Sinne Heideggers interpretieren, das hier dem Walten und Verwahren spezifischer, dabei  allgemeingültiger Phänomene der Wahrnehmung gilt. Diese Werke sind ein kontemplativer Ort der Besinnung auf die Frage, wie wir und was wir sehen, oder was wir eben nicht sehen. Platons über viele Zeitalter hinweg relevante These "Wer also etwas sieht, der sieht auch Wirkliches"
hat heute nur noch bedingt Gültigkeit.

Möglichkeit: computeranimierte virtuelle Realitäten. Mehr noch: "Der Mensch vergisst", so Vilem Flusser, "dass er es war, der die Bilder erzeugte, um sich an ihnen in der Welt zu orientieren. Er kann sie nicht mehr entziffern und lebt von nun ab in Funktion seiner eigenen Bilder: Imagination ist in Halluzination umgeschlagen". Jürgen Albrecht aber lässt die Bilder dort entstehen, wo sie ihren Anfang nahmen.

So mag man in den Skulpturen Albrechts auch den Versuch erkennen, unsere allseits gefährdete tradierte Sehweise zu aktivieren und unser Verhältnis zu dieser wieder zu harmonisieren. Ähnlich wie seinerzeit die Künstler der Hochrenaissance sehen sich die Künstler heute wiederum in einer chaotischen Stunde eines neuen Sehens. Unser Sehen verfängt sich zunehmend in einen technisierten Labyrinth zweifelhafter Erfindungen, die allmählich den Menschen in seiner Fähigkeit, Wirklichkeit wahrzunehmen, zu ersetzen vermögen. Paul Virilio spricht in diesem Zusammenhang von der Automatisierung der Wahrnehmung durch neue computergestützte Techniken, die nicht wie vormalige Erfindungen den dem Raum des menschlichen Sehens erweitern und dadurch den Betrachter aktiv werden ließen, sondern nun dieses Sehen einem aktiven "skopischen" System überlassen, welches allein darüber entscheidet, was ist, und über das, was nicht ist, und so dem Betrachter die Wahrnehmung der Wirklichkeit verunmöglicht und ihn in eine passive Rolle des Benutzers zwingt.
Jürgen Albrecht muss um diese folgenreichen Umwandlungen wissen, denn seine künstlerischen Konstruktionen entlassen den Betrachter nicht aus seiner Verantwortung gegenüber der Wirklichkeit und fordern ihn aktiv auf zu sehen.  Und vielleicht erinnert sich der eine oder andere Betrachter angesichts dieser Skulpturen, dass solcherart Werke eine lange Geschichte haben; angefangen von der Grabkammer des Tumulus mit ihren, auf das  einfallende Licht der Wintersonnenwende geöffneten kleinen Fenstern , die das optische Prinzip der gelenkten Strahlung eingeleitet hatte, die zur Camera obscura der Perspektivisten der Renaissance führte und eine neue Darstellung der Welt hervorrief. Jürgen Albrecht aber möchte weder zum Neuen, noch zum Alten, sondern zu Notwendigen hin.

7.
Und letztlich: An Hand des Werkes von Jürgen Albrecht verdeutlicht sich ein generelles Manko fast jeder Kunstpublikation hinsichtlich der Werksabbildungen, das in seinem Falle aber besonders schwer wiegt. Albrecht Skulpturen bedürfen, wie schon angemerkt, der aktiven Wahrnehmung aus der unmittelbarsten Nähe. Die hier gezeigten Abbildungen - man denke nur an die so entscheidenden Innenansichten - mittels des photographischen  Mediums können aber immer nur ein Vehikel sein, wie im übrigen auch der Kunstkommentar; niemals jedoch entbinden diese den interessierten Leser, soweit noch nicht geschehen, von seiner Pflicht, das vom Künstler geschaffene Werk wirklich zu erfahren. Die Photographie ersetzt die Betrachtung des Werkes an sich, vermittelt vor allem nur das" man stelle sich vor".
Schon Auguste Rodin äußerte, dass die Welt, die wir sehen, auf andere Weise als durch die latenten Bilder von Lichtdrucken oder Momentphotographien gezeigt werden müsse. Jürgen Albrechts künstlerisches Werk thematisiert das enge Netz von Solidarbeziehungen zwischen Raum, Zeit und Licht. In diesem Zusammenhang stellt sich dann zwangsläufig die Frage: Kann die Photographie überhaupt die Tiefe eines Raumes, die Idealität des Lichtes, vor allem aber das spezifische Faktum von Zeit auch nur annähernd darstellen? "Nein", erwiderte entschieden Rodin, "der Künstler ist wahr, und die Photographie lügt; denn in Wirklichkeit steht die Zeit nicht still." "Die Wahrhaftigkeit des Werkes hängt vom Bewegungsreiz für das Auge (eventuell auch für den Körper) des Betrachters ab, das eine Vielzahl von geringfügigen und schnellen Bewegungen von einem Punkt dieses Objektes zum anderen vollführen muss, um diesen Gegenstand mit einem Maximum von Klarheit wahrzunehmen, Wenn nun aber die Beweglichkeit des Auges fixiert wird, wie zum Beispiel durch irgendein optisches Hilfsmittel oder durch schlechte Gewohnheit, so werden die Voraussetzungen, die für eine Sinnesempfindung und den natürlichen Blick notwendig sind, mißachtet und zerstört.“ Die technische Reproduktion des Kunstwerks, so Walter Benjamin, entwertet auf alle Fälle sein Hier und jetzt. Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit verkümmert, das ist seine Aura.
Eine Publikation, wie auch die hier vorliegende, sollte immer nur den möglichen Betrachter dazu einladen, bei nächster Gelegenheit das hier kommentierte und dokumentierte künstlerische Werk selbst erfahren. Wenn dies schon geschehen ist, dann bleibt das Licht.

Udo Kittelmann, „Ansichten und Einsichten. Zu den Arbeiten von Jürgen Albrecht“, Jürgen Albrecht. Skulptur. Raum. Licht, Dörrie/Priess Verlag, Hamburg 1993